Hier finden Sie die während der Projektarbeit gesammelten Fluchtgeschichten.
Sie können die Beiträge auch jeweils über den entsprechenden Link als pdf-Datei herunterladen.

Flucht während der NS-Zeit

  1. Das Vaterland ist da, wo die Freiheit ist

  2. Ich mache das für meine Familie, für meine Kinder und Enkel”

  3. Juden sind in Grevesmühlen unerwünscht

  4. Ich stehe auf der Seite der spanischen Brüder

„Das Vaterland ist da, wo die Freiheit ist.“
Willy Brandt (1913-1992), Lübeck

Zeltlager auf Sunndalsøra mit Willy Brandt (in der Mitte mit Frau auf der Schulter), 1939,

Quelle: Willy-Brandt-Haus, Lübeck. BH-Zeltlager in Norwegen


“Ich mache das für meine Familie, für meine
Kinder und meine Enkel”

Hans Kychenthal (1936 – 2020), Santiago de Chile

Hans Kychenthal wird 1936 in Schwerin geboren. Die Familie betreibt ein kleines Kaufhaus am Schweriner Markt. Sein Großvater Louis Kychenthal (geb. 1863) begründet 1894 das Geschäft. Er handelt erfolgreich mit Haushaltswaren, Konfektion und Kurzwaren und kann das Geschäft erweitern. Das „Kychenthal“ ist eines der ersten Geschäfte in Schwerin, in denen man sich selbst bedienen darf. Sein Vater Ludwig Kychenthal und sein Onkel Willy Kychenthal arbeiten als aufmann im Geschäft des Vaters.
Mit der Machtübernahme der Nazis ändert sich das Leben der Familie. Die Schweriner Kunden bleiben weg, doch die Landbevölkerung kauft weiterhin im Kaufhaus Kychenthal. Die NSDAP will, dass jüdische Geschäfte aus Schwerin verschwinden. Bernhard Knop, Kaufmann aus Neukloster, steht 1938 bereit, das Geschäft zu kaufen.
Während der Pogrome am 9. November 1938 zerstört die Schweriner SA das Kaufhaus und die Wohnung der Familie. Der Großvater wird mit seinen Söhnen Ludwig und Willy in „Schutzhaft“ genommen und in das Gefängnis Alt Strelitz gesperrt. Im Gefängnis stimmt der Großvater dem Verkauf seines Geschäfts weit unter Wert zu.
Nach den Verhaftungen sehen die Eltern von Hans, Ludwig und Annemarie Kychenthal keine Perspektive mehr in Deutschland und fürchten um ihr Leben. Durch entfernte Verwandte in der Schweiz bekommen sie im Juli 1939 über das “Comité International pour le Placement des Intellectuels Réfugiés” in Genf eine Einreiseerlaubnis für Chile. Obwohl sie keine Wohnadresse und keine Arbeitsstelle in Chile vorweisen, können sie einreisen. Doch der Kriegsausbruch verhindert die geplante Abreise aus dem Hamburger Hafen. Im letzten Moment gelingt es der Familie, ein Ticket für eine Schiffspassage vom italienischen Hafen Genua nach Valparaiso (Chile) zu beschaffen. Am 17. Oktober 1939 verlassen sie Europa.
Noch vor ihrer Abreise werden die Kychenthals vollkommen ausgeplün-dert. Reichsfluchtsteuer, Auswandererabgabe und Umtausch des Restvermögens in Devisen kommen einer Enteignung gleich. Ein Teil des Gepäcks steht im Freihafen von Bremen bis April 1941. Die Gestapo beschlagnahmt es und lässt es versteigern. In Schwerin bleibt der über 75 Jahre alte Großvater Louis Kychenthal zurück. Er wollte seinen Kindern in der neuen Heimat „nicht zur Last fallen“, erinnert sich sein Vater Ludwig später. Am 11. November 1942 wird Louis Kychenthal in das Lager Theresienstadt deportiert. Dort stirbt er mit fast 80 Jahren am 6. Juni 1943.
Nach ihrer Ankunft in Chile beginnt sein Vater, mit einer mitgebrachten Graviermaschine sich eine neue berufliche Existenz aufzubauen, und gründet eine Firma für Werbegeschenke. Hans Kychenthal besucht eine englische Schule und steigt später in das Familienunternehmen ein. 1951 ziehen sie in die Hauptstadt Santiago de Chile. Seit ihrer Einwanderung lebt die Familie mit einer unbefristeten Aufenthaltserlaubnis in Chile.
Erst 2017 erhält er auf seinen Antrag hin wieder die deutsche Staatsbürger-schaft und eine Geburtsurkunde ohne den von den Nazis zwangsweise eingefügten Vornamen „Israel“. In den 1990er Jahren bekommt die Familie das Haus am Schweriner Markt zurück, seit 2006 erinnern Stolpersteine vor dem ehemaligen Wohnhaus an das Schicksal der Familie Kychenthal.

Historisches Bild des Kaufhauses Kychenthal

Quelle Privatarchiv Rita Völzer, Repro: Matthias Baerens

„Juden sind in Grevesmühlen unerwünscht“
Max Salomon (1883-1978), New York

Ansicht Kaufhaus Karseboom, Lübsche Straße, Grevesmühlen, 1920er Jahre,

Quelle: Städtisches Museum Grevesmühlen

„Ich stehe auf der Seite der spanischen Brüder.“
Otto Volckmann (1909 – 1936), Parchim

Otto Volckmann im Kreis von SAJ-Mitgliedern in Parchim, 1924.

Quelle: Museum der Stadt Parchim

Flucht und Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg

  1. Daheim ist in Tschetschien

  2. Neues Leben

“Daheim ist in Tschechien, hier bin ich zu Hause”
Elisabeth Hille, Rehna

Elisabeth Hille wird 1946 in Skalitz geboren. Das ist eine tschechische Gemeinde im Nordosten Böhmens am Fuße des Riesengebirges, ehemals Sudetenland. Ihr Vater, geboren 1901, ist Landarbeiter und dient während des Zweiten Weltkrieges in einer Wacheinheit. Er kehrt am Kriegsende heim. Ihre Mutter kümmert sich um den Haushalt und die sechs Kinder.
Im Frühjahr 1946 muss die Familie ihre Wohnung verlassen. Sie werden mit vielen anderen Deutschen in einer Turnhalle in Leitmeritz (Litoméřice) zusammengepfercht. Die Mutter von Elisabeth Hille muss unter diesen Bedingungen das neugeborene Kind versorgen. Von den sechs Geschwistern ist der älteste Bruder in amerikanischer Kriegsgefangenschaft. Ihre 15 Jahre alte Schwester wird brutal nach Deutschland gejagt und findet die Familie erst später wieder. Mitte September 1946 geht Familie Hille auf Transport in die sowjetische Besatzungszone. Am 20. September 1946 hält der Zug im Aufnahme- und Quarantänelager Nesow, kurz vor Rehna.
Im Lager Nesow werden die Transporte erfasst, entlaust und medizinisch versorgt. Der erste Aufenthaltsort der Familie Hille ist ein Erdbunker. In der Mitte verläuft ein Graben, von dem rechts und links die mit Stroh ausgelegten Schlafplätze abgehen. Die Grundfläche ist mit einem Holzdach überbaut. Die Mutter darf mit dem Baby an der Stirnseite schlafen, denn dort steht ein Ofen, der Wärme spendet. Im Winter 1946/47 erreicht der Großvater Nesow. Er will noch einmal den Sohn und seine Familie sehen. Kurz darauf stirbt er und wird auf dem Friedhof in Rehna beerdigt.
Nach einiger Zeit zieht Familie Hille in eine der Holzbaracken rechts und links des Bahngleises. Wegen der vielen Kinder findet sich für die Familie keine Unterkunft außerhalb des Lagers. Sie bleiben. Rückblickend sagt sie: „Ich bin wie in einem sudetendeutschen Dorf aufgewachsen.“ Um sie herum wird der heimatliche Dialekt gesprochen, gefeiert und sich gegenseitig geholfen. Dazu gehört auch die Katholische Kirche. Sie eröffnet 1947 in Rehna eine Seelsorgestation – die Anfänge der Katholischen Gemeinde in Rehna. Bräuche aus der Heimat bleiben lebendig. Am Gründonnerstag ziehen die Kinder durch die Barackensiedlung und rufen: „Wir kommen zum Gründonnerstag, gebt mir was in den Bettelsack!“
Anders als die Eltern und die älteren Geschwister erlebt Elisabeth Hille die Barackensiedlung als glücklichen Ort. Die Kinder können frei spielen und leben inmitten der Natur. Straßenbeleuchtung gibt es hier nicht. 1949 geht der Vater in den Westen auf Arbeitssuche und kehrt niemals wieder zurück. Von nun an ist die Mutter mit den Kindern auf sich allein gestellt. Ab 1952 lernt Elisabeth Hille in der Grundschule im benachbarten Dorf Nesow. Danach geht sie vier Jahre auf die Mittelschule in Rehna und anschließend bis 1964 auf die EOS Gadebusch. Sie erlernt den Beruf eines Handelskaufmanns und ist 45 Jahre in der Getreidewirtschaft in Gadebusch tätig.
Ein Vierteljahrhundert lebt Elisabeth Hille mit ihrer Mutter in einer der Baracken im ehemaligen Lager Nesow, bis sie in eine Wohnung in Rehna ziehen. In den 1970er Jahren besuchen sie erstmals ihre alte Heimat. Und obwohl Elisabeth Hille keine eigenen Erinnerungen mehr an ihren Herkunftsort hat, sagt sie heute: „Daheim ist in Tschechien, hier bin ich zu Hause.“

Elisabeth Hille mit Geschwistern im Lager Nesow
Anfang der 1950er Jahre

Quelle: privat, Archiv GRENZHUS

“Wir wollten miteinander ein neues Leben aufbauen…”
Erna Kirk, geborene Schneider (1924-2017), Lübeck

Erna Kirk wird als Tochter eines Buchhalters in der Stadt Trautenau (Trutnov) geboren. Trautenau liegt in Nordböhmen und gehört zum Sudetenland. Nach dem Gymnasium wechselt sie auf die Lehrerbildungsstätte, die sie mit der 1. Lehrerprüfung 1943 abschließt. Eine Dorfschule in Westpreußen bei Thorn (Toruñ) wird ihre erste Arbeitsstelle. Im Januar 1945 flieht sie vor der näher rückenden Front und kehrt in das Sudetenland zurück, wo sie noch einmal kurzfristig an einer Schule arbeitet.
Nach dem Kriegsende erlebt sie die Schikanen und Repressionen durch die Tschechen. In ihr Haus kann sie nicht mehr zurück, sie zieht zu den Tanten nach Bodenbach (heute Stadtteil von Děčin). Im Herbst 1945 wird sie vertrieben. Sie findet ihre Familie im Oktober 1945 in Neustadt-Glewe in Westmecklenburg. Als Lehrerin bemüht sie sich um eine Stelle und kann ab dem 25. Oktober 1945 wieder unterrichten. Auf einer Schulkonferenz lernt sie den gerade aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft entlassenen Erno Kirk kennen und lieben. Sie heiraten im Dezember 1946 und können gemeinsam an der Volksschule in Bresegard, westlich von Ludwigslust, unterrichten. 1949 besteht sie die 2. Lehrerprüfung. 1950 ziehen sie in die Stadt Ludwigslust und arbeiten dort an der Fritz-Reuter-Schule. Drei Kinder werden geboren. Später erinnert sie sich: „Es war eine Aufbruchstimmung… wir waren nun alles junge Lehrer und jeder wollte irgendetwas erreichen… es war ein guter Zusammenhalt.“
Anfangs engagieren sich beide auch für einen sozialistischen Neuanfang im Osten Deutschlands, sie werden Mitglieder der SED. Erna Kirk absolviert neben ihren schulischen Verpflichtungen und dem Haushalt ein Fernstudium für Mittelstufenlehrer im Fach Deutsch, das sie 1954 mit „sehr gut“ besteht. Doch an der Schule wächst die ideologische Überwachung. Schikanen und Anklagen von Vorgesetzten führen zu Konflikten und zu einer Bedrohung, der die Familie durch eine Flucht in den Westen zu entfliehen sucht.
Erna und Erno Kirk sind Heimatvertriebene. Sie verlieren nun zum zweiten Mal eine Heimat, nun mit ihren Kindern und den wenigen Habseligkeiten im Koffer. In den Sommerferien 1961 gelingt die Flucht nach Westberlin. Sie gehören zur großen Zahl von Vertriebenen, die bis zum Mauerbau die DDR verlassen.
Nach dem Notaufnahmeverfahren im Lager Marienfelde werden sie in die Bundesrepublik ausgeflogen und kommen zu Verwandten nach Lübeck. Es beginnt ein schwerer Neuanfang. Beide können wieder als Lehrer arbeiten, müssen aber Abschlüsse nachholen. Gerade die älteste Tochter lässt Freunde in der DDR zurück und muss sich als „Ostzonenflüchtling“ behaupten. Unter den vielen Unterschieden zwischen den Schulen in Ost und West erinnert sich Frau Kirk später: „Das hab‘ ich in der Reuter-Schule überhaupt nie erlebt. Das Wort Heimatkunde existierte nicht. Auch nicht, dass man darüber sprach, woher nun die Leute kommen.“
Sie finden in Lübeck ihre neue Heimat und als sie 1970 in ihr eigenes Haus ziehen, fühlen sich die Kirks nicht mehr als Flüchtlinge. Sie sind in Lübeck angekommen. 1986 gehen beide in den Ruhestand. Sie bilanziert im Gespräch 2015: „Ich hab’ die Geburtsheimat… Aber für mich ist Lübeck wichtiger. Ja.“

Erno und Erna Kirk mit ältester Tochter in Bresegard, 1949. Privat,

Quelle: Archiv GRENZHUS, Interview mit Erna Kirk, 05. November 2015

Die Geschichten von damals sollen für die Nachfahren festgehalten werden
Helene Höfler, Bäk

Helene Höfler ist 1933 in Ostpreußen geboren. Die Familie hat dort in Hohendorf (heute Wysoka) bei Elbing (heute Elbląg) seit 1939 Land gepachtet. Am Abend des 18. Januar 1945 verlassen sie das Dorf. Früher geht es nicht, die Rote Armee steht bereits mit Panzern vor dem Dorf und schießt. Der Vater weiß: umzingelt die Rote Armee das Dorf, brauchen sie gar nicht los. Die Russen machen es nicht, sondern fahren weiter in die Kreisstadt, vom Dorf weg. Nun kann die Familie los, sie flüchten mit Pferd und Wagen in Richtung Westpreußen und erreichen zunächst Stuhm (heute Sztum). In Stuhm steigt Helene Höfler mit ihrer Mutter und drei Geschwistern in den Zug. Die Flucht mit dem Pferdewagen ist zu gefährlich geworden. Nach einer achttägigen Zugfahrt landen sie in der mecklenburgischen Kleinstadt Gadebusch. Vom Krieg bekommen sie unterwegs kaum etwas mit. Der Vater folgt ihnen mit den beiden Fuhrwerken und den zwei Knechten.
Mutter und Kinder verlassen in Gadebusch den Zug und übernachten im Rathaus. Am nächsten Morgen werden sie von Bauern aus den umliegenden Dörfern abgeholt und einer Familie in Bäk zugeteilt. Die Familie ist sehr großzügig, sie bekommen genug zu essen und fühlen sich nicht fremd, alle sind zuvorkommend. Im April findet der Vater seine Familie in Bäk.
Nach dem Kriegsende folgen auf die amerikanischen Soldaten britische Einheiten, im Juli besetzen die Russen das Gebiet, jedoch nur bis November. In der Zeit tut sich einiges. Der Vater möchte wieder wie in der alten Heimat Bauer werden. Durch die Bodenreform wird  das Gut Römnitz aufgesiedelt, dadurch bekommt die Familie Land und darf in ein Haus ziehen, das Herrn von Schack gehört. Die Zeit unter den Russen nimmt die Familie als weniger schlimm wahr. Jedoch fehlt die Freiheit, nach Ratzeburg zu gehen. Nachts wagen ihre Schwestern den Weg über die Grenze um einzukaufen. Sie werden gefangen genommen und eingesperrt, kommen aber wieder.
Durch das Barber-Ljaschtschenko-Abkommen vom 13.11.1945 gehört Bäk nun zur britischen Besatzungszone. Überraschend ziehen die Russen ab. Das Land kann die Familie behalten, sie haben es gut getroffen und wollen nicht wieder weg. Helene Höfler geht bis zu ihrem 14. Lebensjahr zur Schule, hilft danach im Haushalt und arbeitet im Hotel. Sie lernt ihren Mann kennen, der aus Westpreußen flüchtete und heiratet ihn 1953. Sie bauen das Haus, in dem sie heute noch wohnt, und bekommen zwei Kinder.Die Wachtürme der DDR sehen sie immer, wenn sie auf ihren Feldern arbeiten. Helene Höfler ist froh, als die Wiedervereinigung stattfindet, und wünscht sich heute von jedem Bürger ein bisschen Mitarbeit für diesen Zustand. Sie möchte, dass die Geschichten von damals für die Nachkommen festgehalten werden, da sich die Zeiten auch immer wieder ändern können. Bäk wird für Helene Höfler zur Heimat. Hier baut sie ihre Existenz auf, hier werden ihre Kinder und Enkelkinder geboren, hier gefällt ihr die Landschaft. Nach der Wende besucht sie ihr altes Heimatdorf in Ostpreußen, die Deutschen sind 1945 alle rausgekommen, wiedergekommen ist keiner.

Ausschnitt aus der britischen Messtischkarte mit den Eintragungen zum Gebietsaustausch, 1945,

Quelle: The National Archives, London, Archiv GRENZHUS, Interview mit Helene Höfler, Feb. 2020


“Den Jeschken in Nordböhmen immer im Blick”
Karl Wachtel (1925-2015), Dechow

Karl Wachtel wird 1925 in Berzdorf (Ostašov) geboren. Heute gehört der Ort zur Stadt Liberec (Reichenberg) im Norden der Tschechischen Republik. Hier im ehemaligen Sudetenland wächst Karl Wachtel in der Familie eines Schuhmachers auf und hat den Berg Jeschken stets vor Augen. Nach der Volksschule erlernt er den Beruf eines Buchhalters und wird 1943 zur Wehrmacht eingezogen. Er kommt an die Ostfront und im Januar 1944 in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Sein älterer Bruder fällt an der Ostfront.
Im November 1945 gehören seine Eltern zu einem der Antifa-Transporte aus dem Sudetenland in die sowjetische Besatzungszone. Sie haben sich mehr oder weniger freiwillig für eine Umsiedlung entschieden, um ein neues Deutschland aufzubauen. Der Transport mit den 40 Familien aus Berzdorf und einer Nachbargemeinde trifft am 8. Dezember 1945 in Schwerin ein. Unter den Familien befinden sich viele Handwerker, die in ein Industriegebiet wollen.
Doch das Umsiedleramt in Schwerin schickt den Transport in das leere Dorf Dechow an der britisch–sowjetischen Demarkationslinie. Bereits auf dem Bahnhof Gadebusch wählt der Transport eine Gemeindevertretung. An der Spitze steht der Kommunist Gustav Scheufler. Auf Fuhrwerken bringt man die sudetendeutschen Familien nach Dechow.
Das Dorf ist in einem erschreckenden Zustand. Im Zuge der Grenzbegradigung zwischen den beiden Besatzungsmächten verlassen fast alle Einwohner mit ihrem Inventar bis zum 28. November 1945 das Dorf. Auch Öfen, Türen und Fensterscheiben werden herausgerissen. Die 108 Personen des Antifa-Transportes kommen im einzigen noch beheizbaren Gebäude des Dorfes unter. Am 24. Dezember 1945 brennen erstmals Glühbirnen in den wieder bewohnbaren Häusern.
Durch weitere Einweisungen steigt die Einwohnerzahl auf über 500. Das beengte Zusammenleben birgt Konflikte und viele FamilienS ziehen weiter.  Die im Februar 1946 gegründete KPD-Ortsgruppe wird zum Motor für den Neuanfang. Der sowjetische Kommandant in Schönberg unterstützt die Einwohner und stellt zwei Traktoren, Anhänger und Ackergerät sowie Saatgetreide zur Verfügung. Anfang April 1946 werden die Dechower Bauernstellen in 56 Neubauernstellen mit durchschnittlich 8 Hektar aufgeteilt. Zu den Neubauern gehört auch der Vater von Karl Wachtel.
Die Rote Armee entlässt den 20-jährigen Karl Wachtel im August 1945 aus der Kriegsgefangenschaft. Zunächst verdient er seinen Lebensunterhalt auf dem Bau in Luckenwalde und sucht seine Eltern. Zu diesem Zeitpunkt weiß er noch nichts von der Umsiedlungsaktion. Karl Wachtel unternimmt alles, um in seinen Heimatort Berzdorf zu gelangen, muss allerdings erfahren, dass seine Eltern sich in Mecklenburg aufhalten sollen. Anfang 1946 folgt er ihnen nach Dechow. Im selben Jahr tritt Karl Wachtel der SED bei und arbeitet zunächst in der Gemeindeverwaltung.
In Dechow lernt Karl Wachtel die aus Hinterpommern geflohene Irmgard Krüger kennen. Ihre Eltern übernehmen eine Neubauernstelle in Dechow 1948. Im August 1951 heiraten beide.
Eine schwere Lungenentzündung zwingt Karl Wachtel 1951 zur Aufgabe seiner beruflichen Tätigkeit. Doch bereits 1952 übernimmt er die Stelle als Hauptbuchhalter in der LPG „Neues Leben“ in Dechow. Vier Kinder werden geboren und Karl Wachtel absolviert ein Fernstudium, das er als staatlich geprüfter Finanzwirtschaftler abschließt. Ende Juli 1990 mit 65 Jahren endet seine Tätigkeit in der LPG.
Die Erinnerung an seinen Geburtsort jedoch bleibt lebendig. Karl Wachtel besucht das heutige Ostašov 1975 zum ersten Mal wieder. Weitere Besuche folgen, er schreibt seine Erinnerungen auf und knüpft Kontakte zu heutigen Einwohnern von Ostašov. Seit 2012 finden jährliche Treffen zwischen Einwohnern aus Ostašov und Dechow statt. Im Jahr 2015 stirbt Karl Wachtel in Dechow.

Bodenreformurkunde Karl Wachtel

Quelle: Familienbesitz, Udo Wachtel, S kimmt alles am Rande rim. Berzdorf 1945, Pagelkau 1945, Aleppo 2015, Dechow 2017.


“Es gibt keinen Weg zurück”
Leo Grundenberg, Schlagsdorf

Sein letzter Schultag ist der 20. Januar 1945, daran kann er sich noch genau erinnern. Leo Grunenberg wird bald 14 Jahre alt und kommt aus dem Dorf Krekollen im Ermland, einer katholischen Region in Ostpreußen. Wie viele andere fliehen die Grunenbergs, Vater, Mutter und zwei Söhne, vor der näher rückenden Front. Sie müssen über das zugefrorene Frische Haff. In endlosen Kolonnen, immer in Zickzack-Linie, ziehen die Menschen über die Eisfläche, bedroht von sowjetischen Jagdflugzeugen. Mit Pferd und Wagen ist die Familie unterwegs. Ihr Weg geht über Danzig und entlang der Ostseeküste. Bei Pölitz (Police) queren sie die Oder und kommen über Teterow und Güstrow nach Rerik. Immer weiter Richtung Westen soll es gehen.
Ende April 1945 erreichen sie Rehna und erleben, wie ein Versorgungslager der Wehrmacht geplündert wird. Hinter Schlagresdorf kommen ihnen amerikanische Soldaten entgegen. Doch Grunenbergs wollen weiter nach Ratzeburg. An der Straße hinter Wietingsbek sehen sie noch das qualmende Wrack eines von Flugzeugen beschossenen Fahrzeugs. Später erfahren sie, dass die Toten in einem Massengrab in Ziethen beerdigt liegen. An der Stadtgrenze verweigert eine amerikanische Straßensperre die Durchfahrt. Sie werden zurückgeschickt. Drei Nächte verbringen sie in Schlagbrügge bei Familie Niemann. Mit vielen anderen Flüchtlingen ist ihre nächste Unterkunft die Pfarrscheune in Schlagsdorf. Sie schlafen viele Wochen zusammengedrängt auf dem Lehmboden. Gekocht wird draußen, neben der Scheune.
Am 1. Juli 1945 rückt die Rote Armee, wie zwischen den Alliierten vereinbart, bis zur mecklenburgischen Landesgrenze vor. Leo Grunenberg erinnert sich, dass am Baum vor einem Haus in der Hauptstraße ein Handzettel befestigt war: „Keiner außer Kriegsverbrecher und Kriegsgewinnler hat Grund Angst zu haben.“ Dann beginnt der Besatzungsalltag unter den Sowjets, an der Demarkationslinie zwischen den Besatzungszonen. Zum Baden im Mechower See nimmt er die gefundene Fliegerweste aus Rerik mit, denn Schwimmen hat er zu Hause nicht gelernt. Doch wie überleben in der Zeit? Der Hunger ist ein ständiger Begleiter, Lebensmittel gibt es nur auf Marken. Anfang September 1945 erhält die Familie ein Zimmer auf dem Bauernhof der Familie Ollmann.
Für die achtklassige Volksschule ist Leo Grunenberg zu alt, so muss er arbeiten gehen. Am 3. September 1945 beginnt er, auf dem Bauernhof der Familie Reimers zu arbeiten. Er muss seine Eltern unterstützen, die beide bereits im Rentenalter sind. Seine Mutter stirbt 1947 und der Vater ein Jahr später. Die beiden Jungen, Hans und Leo, müssen nun als Vollwaisen allein ihren Weg finden. Immer wieder wird den Flüchtlingen alles Schlechte zugeschrieben, richtig wehren können sie sich nicht. Und doch gibt es keinen Weg zurück.
Am 17. Mai 1958 heiratet Leo Grunenberg. Seine Frau ist eine vertriebene Deutsche aus der Slowakei. Ihr katholischer Glaube verbindet beide. Sie besuchen die Messen in Rehna und Schönberg. Zwei Kinder werden geboren. Seit 1960 arbeitet er in der LPG (P) Schlagsdorf. Mit dem Ende der DDR wird die LPG aufgelöst und Leo Grunenberg geht in seinen „Unruhestand“. Die Schlagsdorfer wählen ihn von 1991 bis 1999 zu ihrem Bürgermeister.

Leo Grunenberg mit Fahrrad vor dem Bauernhof der Familie Reimers, 1950er Jahre

Quelle: privat, Archiv GRENZHUS, 
Interview mit Leo Grunenberg im Feb. 2020.


In Stove fühle ich mich wohl, aber meine Heimat ist Warnsdorf
Margit Heick, Stove

Margit Heick, geborene Flegel, wird 1931 in Warnsdorf geboren. Die Stadt liegt im Norden Tschechiens, unmittelbar an der Grenze zu Deutschland. Ihre Eltern sind Deutschböhmen. Der Vater arbeitet als selbständiger Schmied, während sich die Mutter um die drei Kinder und den Haushalt kümmert. Da in der Schmiede Schlitten und Beschläge für die Wehrmacht produziert werden, muss der Vater nicht zur Wehrmacht.
Warnsdorf gehört zum Sudetenland in der Tschechoslowakischen Republik. Hier wohnen mehrheitlich Deutsche. Nach dem Münchner Abkommen 1938 wird das Sudetenland vom NS-Staat einverleibt, wenig später besetzt die Wehrmacht den tschechischen Reststaat und unterdrückt brutal jeden Widerstand. Am 8. Mai 1945 marschieren Einheiten der Roten Armee ein. Die Tschechen beginnen mit der Vertreibung der Deutschen. Die Deutschen müssen weiße Armbinden tragen. Zuerst werden Lehrer nach Deutschland getrieben. Im Herbst packen auch die Flegels ihre Koffer und warten auf dem Bahnhof auf ihren Abtransport. Doch sie dürfen wieder nach Hause, da die Schmiede des Vaters noch gebraucht wird. Für Margit Flegel endet 1945 ihre achtklassige Schulzeit ohne Abschluss. Da sie die tschechische Sprache nicht versteht, wird sie schikaniert, von den Mitschülern bespuckt. Um bei der Familie bleiben zu können, arbeitet Margit Flegel in einer Strumpffabrik.
Am 12. Juli 1946 erhält sie überraschend ihre Papiere von der Fabrik und eilt nach Hause. Die Familie muss die Heimat verlassen. Sie werden in einem Lager mit anderen Deutschen zusammengepfercht. Am 16. Juli gehen sie auf Transport. Immer 30 Personen kommen in einen Viehwaggon, der sie nach Deutschland bringt. Weil ihr Vater die Liste der Waggoninsassen führt, ist sie überliefert. Auf dem Bahnhof Pirna in der sowjetischen Besatzungszone können sie in normale Eisenbahnwaggons umsteigen und fahren über verschiedene Stationen bis nach Rehna. Im Lager Nesow verlassen sie den Zug.
Die Familie bleibt nur 14 Tage im Lager und zieht in die 12 bis 15 Quadratmeter große Speisekammer eines Bauern im Dorf Nesow. Der Vater findet Arbeit beim Schmiedemeister Ernst Heick in Carlow und ihr Bruder kann seine Ausbildung beim Schmiedemeister Hans Heick in Stove abschließen. Mitte Dezember 1946 kann die Familie Flegel ein kleines Häuschen, das Armenhaus, in Carlow beziehen. Sie hatten nur Kisten und Gepäck, keine Möbel. Frau Heick erinnert sich: „Im Frühjahr, als das Tauwetter einsetzte, stand unsere Wohnung unter Wasser. Das Wasser kam durch die Dielen. Ich hatte 92 Wassereimer eingeschaufelt, dann konnte ich nicht mehr. Zum Glück wurde es nachts wieder kalt, somit kam kein Wasser mehr durch die Dielen nach oben. Mein Vater ging zum Bürgermeister, der aber für unsere Lage kein Verständnis aufbrachte. Doch bestand mein Vater darauf, dass er sich die Wohnung ansehen sollte. Und siehe da, es ging. Wir bekamen übergangsweise ein Zimmer in einem anderen Haus.“

Hochzeitspaar Heick fährt mit der Kutsche von Carlow nach Stove, 1953

Quelle: privat, Archiv GRENZHUS, Interview mit Margit Heick, 20.2.2020

Flucht aus der DDR

Fluchten in der Gegenwart